Zeitsprung: Moralkeule

Das Wort des Jahres 1998 war „Rot-Grün“, gefolgt von „Viagra“ (Platz 2) und „Ich habe fertig!“ (Platz 4). Die „Moralkeule“ auf Platz 8 – Martin Walser verwendete dieses Wort in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchandels – schaffte es interessanterweise auch auch Platz 4 der Unwörter des Jahres. Unwort des Jahres 1998 war „Sozialverträgliches Frühableben“. Der Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, prägte es in seiner Kritik an den Sparplänen der neuen Bundesregierung.

Prioritäten

Als Autorinnen und Autoren bringen wir Informationen in eine Reihenfolge. Es lässt sich nicht vermeiden, dass wir sie dabei gleichzeitig gewichten. Dass dass gehörig schiefgehen kann, zeigt die Cellesche Zeitung vom 5. Juli 2018. Ein Artikel auf Seite 1 trägt den Titel: „Entenfamilie absichtlich überfahren?“ Mitten im Sommerloch ist eine solche Nachricht nicht ungewöhnlich. Wenn man aber zur Seite 7 weiterblättert, findet man einen ähnlich großen Artikel mit dem Titel: „Müllwagen überrollt Frau“. Zugegeben, für die Titelseite und den Weltspiegel auf Seite 7 war wahrscheinlich nicht die gleiche Person verantwortlich, und sicherlich ist der Redaktion der getötete Vogel nicht wichtiger als der getötete Mensch. Aber genau dieser Eindruck entsteht, weil die Zeitung des Tages als Einheit wahrgenommen wird, und ein Platz auf der Titelseite uns höchste Bedeutung signalisiert.

Entrüpelung

Dass es auf jeden Buchstaben ankommt, zeigt sehr hübsch ein Berliner Kleinunternehmer, der auf der Heckklappe seines Transporters neben anderen Dienstleistungen eben auch „Entrüpelung“ anbietet. Aber wer weiß? Vielleicht meint er ja genau das, was er schreibt. Manchmal würde man sich ja gern von Rüpeln befreien lassen.

Herpeskunden

Auf Apothekenaufstellern wird zurzeit eine „Revolution für Lippenherpes-Kunden“ angepriesen. Eine problematische Wortschöpfung. Kunde oder Kundin wird zwar oft mit einer Charakterisierung gekoppelt (Stammkundin; Großkunde), mit einem Produkt (Stromkunde), einer Marke oder dem Einkaufsort (Apothekenkundin), so gut wie nie aber wird Kundin oder Kunde etwas Unerwünschtes vorangestellt. Wenn es doch einmal geschieht, lässt es Interpretationen zu, die wohl nicht beabsichtigt sind: Ist jemand gemeint, der Lippenherpes erwerben möchte? Oder ist Lippenherpes in diesem Geschäft erhältlich?

Mikrotexte 2

„Ab jetzt: Oster Angebote bis zu -50% reduziert!“, lautete der Betreff einer E-Mail meins Buchhändlers. Zuerst der Lektorenblick: Es ist schon klar, dass es um Preisnachlässe geht. Tatsächlich steht da aber, dass es ab jetzt deutlich weniger Osterangebote gibt. Und jetzt der Korrektorenblick: „Reduzierung“ bedeutet, dass danach weniger vorhanden ist. Das Minuszeichen vor dem Prozentwert ist daher falsch. „Oster“ ist kein vollständiges Wort, deshalb muss „Osterangebote“ zusammengeschrieben oder gekoppelt werden. Zwischen der Zahl und dem Prozentzeichen fehlt ein Abstand. „Ab jetzt: Osterangebote mit bis zu 50 % Preisnachlass!“, wäre mein Vorschlag.

Mikrotexte

Ein Online-Buchhändler schickte mir vor ein paar Tagen eine E-Mail mit dem Betreff: „******-Deal der Woche: Reduzierte Empfehlungen für Sie“. Ich war verdutzt. Warum sollte ich weniger Empfehlungen bekommen?

Zur Lage der deutschen Sprache

Podiumsdiskussion: Am 13. November 2017 haben die Akademieunion und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den zweiten Bericht zur Lage der deutschen Sprache vorgestellt. Die Autorinnen und Autoren diskutierten in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter dem Titel „Mein Deutsch – unser Deutsch“ über das Verhältnis von Hochsprache und Regionalsprache, über Migrantensprache und über die Auswirkungen des Internets. Zum Mitschnitt der Veranstaltung

Zeitsprung: Klonschaf

Bald werden wieder das Wort des Jahres, das Unwort des Jahres und das Jugendwort des Jahres verkündet. Ich habe einmal 20 Jahre zurückgeschaut. Das Wort des Jahres 1997 war „Reformstau“. Die Plätze 4–6 auf der Liste nahmen „Klonschaf“, „Elchtest“ und „Tamagotchi“ ein. (Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.) Erinnern Sie sich noch an Dolly, das Klonschaf? Dolly war das erste Schaf, das ich beim Namen kannte. (Hallo, Shaun!) Das Unwort des Jahres 1997 war der Begriff „Wohlstandsmüll“. So bezeichnete Helmut Maucher, der Verwaltungsratspräsident von Nestlé, angeblich arbeitsunwillige und arbeitsunfähige Menschen. Quelle: Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres