Herpeskunde

Auf Aufstellern vor Apotheken wird zurzeit ein Produkt als „Revolution für Lippenherpes-Kunden“ angepriesen. „Lippenherpes-Kunde“ ist eine irreführende Wortschöpfung. Mit dem Wort „Kunde“ oder „Kundin“ werden meist solche Begriffe gekoppelt, die eine nähere Charakterisierung ermöglichen (Stammkundin) oder das erworbene Produkt benennen (Stromkunde). Auch Angaben zur Marke oder zum Einkaufsort sind üblich (Apothekenkundin). So gut wie nie wird aber „Kundin“ oder „Kunde“ mit etwas Unerwünschtem gekoppelt. „Lippenherpes-Kunde“ lässt daher Interpretationen zu, die wohl nicht beabsichtigt sind: Ist jemand gemeint, der bei Lippenherpes einkauft — oder der Lippenherpes erwerben möchte? Oder soll darauf hingewiesen werden, dass Lippenherpes hier im Geschäft erhältlich ist?

 

Noch eine E-Mail von meinem Buchhändler

„Ab jetzt: Oster Angebote bis zu -50% reduziert!“

Zuerst der Lektorenblick: Es ist schon klar, dass es um Preisnachlässe geht. Tatsächlich steht da aber, dass es ab jetzt deutlich weniger Osterangebote gibt.

Und jetzt der Korrektorenblick: Eine Reduzierung bedeutet, dass danach weniger vorhanden ist. Das Minuszeichen vor dem Prozentwert ist daher falsch. „Oster“ ist kein vollständiges Wort, deshalb muss „Osterangebote“ zusammengeschrieben oder mit einem Bindestrich gekoppelt werden – auch „Angebote zu Ostern“ wäre möglich. – Zwischen der Zahl und dem Prozentzeichen fehlt ein Abstand.

„Ab jetzt: Osterangebote mit bis zu 50 % Preisnachlass!“, wäre mein Vorschlag.

Mikrotexte

Ein Online-Buchhändler schickte mir vor ein paar Tagen eine E-Mail mit folgendem Betreff: „******-Deal der Woche: Reduzierte Empfehlungen für Sie“. Ich war verdutzt. Warum sollte ich weniger Empfehlungen bekommen? Betreffzeilen zählen zu den kürzesten Texten, die Sie je veröffentlichen werden. Solche „Mikrotexte“ werden in ihrer Gesamtheit aufgenommen. Daher wirkt jede Ungenauigkeit wesentlich stärker als irgendwo versteckt im Fließtext. Das gilt auch für Überschriften. Es lohnt sich daher, nach dem letzten Korrekturdurchgang noch einmal einen Blick auf das zu werfen, was die Leser und Leserinnen zuerst sehen werden: den Betreff, den Titel und die Überschriften sowie den Namen der Autorin oder des Autors.

Podiumsdiskussion: Zur Lage der deutschen Sprache

Am 13. November 2017 haben die Akademieunion und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den zweiten Bericht zur Lage der deutschen Sprache vorgestellt. Die Autorinnen und Autoren diskutierten in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter dem Titel „Mein Deutsch – unser Deutsch“ über das Verhältnis von Hochsprache und Regionalsprache, über Migrantensprache und über die Auswirkungen des Internets. Zum Mitschnitt der Veranstaltung

Klonschaf

Bald werden wieder das Wort des Jahres, das Unwort des Jahres und das Jugendwort des Jahres verkündet. Ich habe einmal 20 Jahre zurückgeschaut. Das Wort des Jahres 1997 war „Reformstau“. Die Plätze 4–6 auf der Liste nahmen „Klonschaf“, „Elchtest“ und „Tamagotchi“ ein. (Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.) Erinnern Sie sich noch an Dolly, das Klonschaf? Dolly war das erste Schaf, dessen Namen ich kannte. Hallo, Shaun! Das Unwort des Jahres 1997 war der Begriff „Wohlstandsmüll“. So bezeichnete Helmut Maucher, der Verwaltungsratspräsident von Nestlé, angeblich arbeitsunwillige und arbeitsunfähige Menschen. Quelle: Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres